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Regina Michel
HORIZONTVERSCHIEBUNG

 

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“
(Theodor W. Adorno) 1

 

Andrea Neuman setzt sich in ihrem Werk kritisch mit Welt auseinander. Sie fragt nach der existentiellen Vernetzung von Mensch und Ort, von Raum und Zeit. Sie macht menschliches Verhalten exemplarisch anhand der Bewegungsdynamik im öffentlichen, urbanen Raum sichtbar. Primär geht es ihr um die Frage, wie sich die steingewordene, gesellschaftliche Ordnung in der inneren Befindlichkeit, im Dasein des Menschen manifestiert. „Es geht mir um den Menschen, wie er sich darstellt und äußert, was ihn ausmacht, und wie die ihn umgebende materielle Wirklichkeit, die Dinghaftigkeit sein Dasein verdeutlicht und wiederum auf seinen inneren Zustand verweist“, bringt die Künstlerin ihre Intention auf den Punkt.

 

Andrea Neuman will Wirklichkeit nicht abbilden, sie will sie neu erschaffen und so die Wahrnehmung für Phänomene unserer Zeit schärfen. Fotografische Bildfragmente treffen auf malerische Farbflächen, durchbrechen diese. Im Dialog, in der Konfrontation von Malerei und Fotografie entsteht eine neue Realität, die Fragen aufwirft. „Ich möchte Positionen auf Welt zur Diskussion stellen, deshalb konfrontiere ich der vorgefundenen Realität entnommene System mit malerisch entwickelten Systemen!“, so Neuman. Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung steht die Idee der Horizontverschiebung. Andrea Neuman zeigt den vertrauten Lebensraum fremd und unvertraut, konfrontiert den Betrachter mit neuen, ungewohnten Perspektiven auf Welt.

 

ORTSERHEBUNG – ORTSENTHEBUNG – NEUVERORTUNG
Ausgangspunkt für die eindringlichen Arbeiten der 1963 geborenen Künstlerin ist das Muster urbanen Lebens – in New York und Friedrichshafen. Akribisch analysiert sie die Ordnungssysteme und Bewegungsmuster, die die beiden Raumgefüge ausmachen. Ortserhebung nennt sie diese Phase der Mustererkennung. Mit der Kamera geht sie auf Spurensuche, fotografiert Straßen und Plätze, hält die Bewegungsdynamik der Passanten fest, friert Ort und Zeit im Foto ein. Die Fokussierung auf den begrenzten Ausschnitt von Wirklichkeit und das Durchbrechen des Zeitkontinuums, wie sie das Foto leistet, reichen Andrea Neuman nicht aus. Das Foto wird zum Malgrund. Mit Pinsel und Ölfarbe blendet sie den urbanen Kontext aus, eliminiert Orts- und Zeitbezug, anonymisiert Mensch und Raum, schafft zeitlose, allgemeingültige Arbeiten, die über sich hinausweisen, zu Metaphern werden. „Mit dem Pinsel das Wesentliche ausschneiden. Ausschnitte, die mir Sinn machen.

 

Was bleibt ergibt eine neue Geschichte, die Darstellung einer neuen Wirklichkeit. Eine Realitätsverschiebung findet statt. Ich sehe, nehme weg, lasse stehen und betone dadurch das noch Sichtbare stärker, setze die Einzelteile in einen neuen Kontext“, beschreibt die Künstlerin diesen Prozeß der Ortsenthebung und Neuverortung.

 

GEFRORENE ZEIT
Andrea Neuman hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt. In einem spannungsgeladenen Dialog zwischen Malerei und Fotografie überwindet sie die Gattungsgrenzen und betont gleichzeitig die Charakteristika des jeweiligen Mediums. Pastose, mit dem Pinsel strukturierte Farbflächen begegnen der glatten, verletzlichen Oberfläche der Fotografie. Durch die Leuchtkraft der Farbe und den pastosen Auftrag wird die Farbfläche zum Raum. In der Wahrnehmung jedoch durchbrechen die Fotofragmente die Farbe, obwohl zweidimensional und formal im Hintergrund, schieben sie sich vor den dreidimensionalen, reliefartigen Farbraum. Vorder- und Hintergrund oszillieren, eine eindeutige Wahrnehmung bleibt versagt. Realitätsebenen verschwimmen wie in einem Vexierbild. Der Duktus des Farbauftrags variiert von Bild zu Bild. Das Spektrum reicht von dynamisch aufgetragenen, fast schon aggressiven Farbspitzen über bewegte Oberflächen und beruhigte Gitter- oder Netzstrukturen bis hin zu zart kannelierten Farbflächen. Farbe und Duktus reagieren auf die Dynamik und Farbigkeit des Fotos, verschärfen Bildausschnitt und
Bildaussage.

 

Magenta, Orange, Pink. Ocker, Violett und Dunkelgrün. Eine einzige Farbe, manchmal zwei. Andrea Neuman setzt die Farbe immer radikaler ein, blendet den urbanen Kontext immer stärker aus, macht das ursprüngliche Bildmotiv vergessen. Die partielle Übermalung eliminiert die vertraute Umgebung, verschärft den fotografischen Ausschnitt von Wirklichkeit, fokussiert den Blick ganz auf den Menschen. Selbst in der Abwesenheit steht der Mensch im Mittelpunkt, hinterläßt er seine Spur im leeren Raum, wenn auch nur als Schatten, wie in einigen der Arbeiten aus der Reihe „passage“. In Arbeiten wie „wtc 2“ oder „city mutants“ hasten Menschenströme – ihrem urbanen Umfeld durch dicke Schichten von Farbe beraubt – kopflos, irreal, wie Schemen ihrer selbst, ameisengleich durchs Bild. Ohne erklärenden, sinnstiftenden Kontext werden Beziehungslosigkeit und Vereinsamung des Einzelnen – in der Masse wie als Paar – umso augenfälliger.

 

GEFÜHLTE FARBE
Ergänzt wird das zentrale Oeuvre der übermalten Fotografien durch sogenannte Netze und Brückenbilder. Meist monochrom, stark strukturiert, tritt die Farbe dem Betrachter in den Leinwand- und Tafelbildern entgegen. Die Brückenbilder sind Farbe pur, die Netze werden an der Wand zu Objekten. Ausschnitte in der Leinwand gewähren Blicke auf die dahinter liegende Wandfläche. Motive aus den übermalten Fotoarbeiten werden in abstrahierter Form aufgegriffen. So verweisen die paarweise ausgeschnittenen Fenster in einigen der Netze auf den in Friedrichshafen entstandenen Zyklus „paare.passanten“.

 

In ihren Ausstellungen stellt Andrea Neuman die Arbeiten dieser drei Werkgruppen zu wechselnden Wandensembles zusammen. Die Netze und Brückenbilder werden zu vermittelnden Elementen. Sie schlagen die Brücken zwischen den einzelnen Stadtansichten, vernetzen die verschiedenen Aspekte. Sie verweisen wieder auf den Topos „Stadt“, wecken Assoziationen an die Netzwerke, aus denen die Stadt gewoben ist. Gleichzeitig transportieren und unterstützen die monochrom gehaltenen Arbeiten den allgemeinen großen Farbklang eines Ensembles. Dieser Farbklang, der auf die Sinne und letztlich auf die Emotionen des Betrachters zielt, ist Andrea Neuman wichtig: „Ich will Farbklänge komponieren! Ich will gefühlte Farbe!“ In ihrer Addition schließlich werden die Ensembles zum Tableau der Stadt an sich, schlagen immer wieder neue Kapitel der gleichen Geschichte auf, fassen sie zum großen Epos zusammen.

 

NEW YORK – FRIEDRICHSHAFEN

 

„In den unterschiedlichen Wirklichkeiten der Städte konzentrieren sich wie in einem Brennglas die Konflikte und Aporien, denen die Menschheit insgesamt und die Gesellschaft im einzelnen gegenüberstehen.“ 2

 

In den vergangenen Jahren ist Andrea Neuman ausschließlich in New York auf Spurensuche gegangen. Die Zeit in Friedrichshafen als Stipendiatin der ZF-Kulturstiftung markiert eine wichtige Zäsur in ihrem Werk. Erstmals wagt sie sich an ein neues Raumgefüge. Die Künstlerin, der es um Grenzerfahrungen und Horizontverschiebungen geht, überschreitet eine Grenze, betritt künstlerisches Neuland. Anonyme, durch U-Bahnschächte hastende Menschenströme wie zur Rushhour in Manhattan findet sie in Friedrichshafen nicht. Die strenge geometrische Ordnung, die fast schon gerasterten Strukturen, die die Straßenfluchten von New York ausmachen, fehlen.

 

In Friedrichshafen muß sie sich mit einem neuen urbanen Muster auseinandersetzen. Für „promenade 1“, die erste „reine“ Friedrichshafenarbeit, wechselt Andrea Neuman die Position, wählt den ungewohnten Standpunkt. Sie fotografiert die Uferpromenade vom See aus, zeigt die Menschen aus einer neuen Perspektive und verstärkt so die Irritation. Statt Passanten in schneller Bewegung zeigt sie Menschen, die stillstehen, die dem Betrachter den Rücken zukehren, an einem Geländer lehnen, als suchten sie Halt. Wieder ist es die Beziehungslosigkeit, die Vereinsamung in der Masse, die ins Auge fällt, durch die Übermalung, das Ausblenden einzelner Figuren noch stärker hervorgehoben. „promenade 1“ ist eine Schlüsselarbeit für Friedrichshafen. Radikaler als in allen bisherigen Arbeiten setzt Andrea Neuman Farbe ein, blendet Himmel, See und Land vollständig aus. Zwischen zwei stark kontrastierenden, leuchtenden Farbräumen bleibt lediglich ein schmales, horizontales Menschenband stehen. Erstmals wird der Horizont – den sie im übertragenen Sinne mit ihren Arbeiten verschieben und erweitern will – zum Gestaltungselement. Erstmals wechselt Andrea Neuman die Zeitstruktur der Bewegung, zeigt Menschen im Verweilen, im Stillstand.

 

Wie in New York, sind es die Straßen und Plätze, archetypische Orte des Durchgangs, der Transformation, die die Künstlerin besonders faszinieren. Arbeiten aus der Reihe „passage“ erinnern stark an die „intersections“ aus New York. Gleichzeitig wird die Formensprache den Charakteristika des jeweiligen Raumgefüges gerecht. Betont die Künstlerin in New York die strengen rechtwinkligen Strukturen, hebt sie in Friedrichshafen erstmals runde Formen, Kreissegmente hervor. Anstelle des Menschengetümmels sind leere Plätze zu sehen, auf denen der Mensch nur noch als Schatten in Erscheinung tritt. Dennoch fügen sich die Arbeiten aus Friedrichshafen nahtlos in das Gesamtwerk ein. Andrea Neuman betont das Überlokale, filtert das Allgemeingültige heraus, zeigt menschliche Existenz losgelöst von Ortsbezug und äußeren Zielen. Friedrichshafen und New York verschmelzen, werden zu verschiedenen Facetten urbanen Lebens, setzen sich zum übergeordneten Muster der Stadt als solcher zusammen.

 

NEUE PERSPEKTIVEN AUF WELT
Andrea Neuman hat die Fähigkeit, Gesehenes, Gespürtes, Gehörtes, Geschmecktes und Gerochenes in einer Grammatik der Sinne zu deklinieren und neu zu arrangieren. Sie führt dem Betrachter in ihren Arbeiten menschliches Verhalten exemplarisch vor Augen. Urbane Szenerien, öffentliche Plätze und Straßen werden zum Bühnenbild vor dem sich menschliches Verhalten inszeniert. Die Künstlerin will keine Antworten auf existentielle Fragen geben, sie will den Rezipienten in einem sokratischen Dialog zur Reflexion verführen. Sie zeigt Welt unbekannt und neu, macht Risse in der Wirklichkeit sichtbar, schärft die Wahrnehmung für die Wahrheit, die sich hinter der sichtbaren Oberfläche verbirgt.

 

Die Arbeiten von Andrea Neuman schärfen und verändern die Wahrnehmung des Betrachters um jenen geringen Grad, der die Welt in einem verwandelten Licht zeigt. Sie sensibilisieren und öffnen die Augen. Sie sind Denkanstöße, sich mit wachen Sinnen und geschärftem Verstand mit der eigenen Existenz auseinander zu setzen. Die subtil gewebten Arbeiten haben eine ganz eigene Magie. Sie sind konzeptionell und sinnlich zugleich, ziehen den Betrachter mit ihrer vitalen Aufladung zwischen affektivem und kognitivem Reiz, zwischen Fotografie und Malerei, in den Bann. Sie verankern sich in Kopf und Bauch des Betrachters, gehen nicht mehr aus dem Sinn.

 

1 Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt/Main, 1964, S. 298
2 Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann, Mythen der Stadt, in: Mythos Metropole, Hg. Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann, Walter Prigge, Frankfurt/Main, 1995, S. 10

Regina Michel
HORIZON SHIFT

 

„Art is magic, freed from the lie of being truth.“
(Theodor W. Adorno) 1

 

Andrea Neuman critically examines the world in her work. She asks about the existential interconnectedness of people and place, of space and time. She makes human behavior visible in an exemplary way by means of the dynamics of movement in public, urban space. Primarily, she is concerned with the question of how the stony, social order manifests itself in the inner state, in the existence of man. “I am concerned with the human being, how he presents and expresses himself, what makes him tick, and how the surrounding material reality, the thingness clarifies his existence and in turn refers to his inner state,” the artist sums up her intention.

 

Andrea Neuman will Wirklichkeit nicht abbilden, sie will sie neu erschaffen und so die Wahrnehmung für Phänomene unserer Zeit schärfen. Fotografische Bildfragmente treffen auf malerische Farbflächen, durchbrechen diese. Im Dialog, in der Konfrontation von Malerei und Fotografie entsteht eine neue Realität, die Fragen aufwirft. „Ich möchte Positionen auf Welt zur Diskussion stellen, deshalb konfrontiere ich der vorgefundenen Realität entnommene System mit malerisch entwickelten Systemen!“, so Neuman. Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung steht die Idee der Horizontverschiebung. Andrea Neuman zeigt den vertrauten Lebensraum fremd und unvertraut, konfrontiert den Betrachter mit neuen, ungewohnten Perspektiven auf Welt.

 

ORTSERHEBUNG – ORTSENTHEBUNG – NEUVERORTUNG
Ausgangspunkt für die eindringlichen Arbeiten der 1963 geborenen Künstlerin ist das Muster urbanen Lebens – in New York und Friedrichshafen. Akribisch analysiert sie die Ordnungssysteme und Bewegungsmuster, die die beiden Raumgefüge ausmachen. Ortserhebung nennt sie diese Phase der Mustererkennung. Mit der Kamera geht sie auf Spurensuche, fotografiert Straßen und Plätze, hält die Bewegungsdynamik der Passanten fest, friert Ort und Zeit im Foto ein. Die Fokussierung auf den begrenzten Ausschnitt von Wirklichkeit und das Durchbrechen des Zeitkontinuums, wie sie das Foto leistet, reichen Andrea Neuman nicht aus. Das Foto wird zum Malgrund. Mit Pinsel und Ölfarbe blendet sie den urbanen Kontext aus, eliminiert Orts- und Zeitbezug, anonymisiert Mensch und Raum, schafft zeitlose, allgemeingültige Arbeiten, die über sich hinausweisen, zu Metaphern werden. „Mit dem Pinsel das Wesentliche ausschneiden. Ausschnitte, die mir Sinn machen.

 

Was bleibt ergibt eine neue Geschichte, die Darstellung einer neuen Wirklichkeit. Eine Realitätsverschiebung findet statt. Ich sehe, nehme weg, lasse stehen und betone dadurch das noch Sichtbare stärker, setze die Einzelteile in einen neuen Kontext“, beschreibt die Künstlerin diesen Prozeß der Ortsenthebung und Neuverortung.

 

GEFRORENE ZEIT
Andrea Neuman hat eine ganz eigene Bildsprache entwickelt. In einem spannungsgeladenen Dialog zwischen Malerei und Fotografie überwindet sie die Gattungsgrenzen und betont gleichzeitig die Charakteristika des jeweiligen Mediums. Pastose, mit dem Pinsel strukturierte Farbflächen begegnen der glatten, verletzlichen Oberfläche der Fotografie. Durch die Leuchtkraft der Farbe und den pastosen Auftrag wird die Farbfläche zum Raum. In der Wahrnehmung jedoch durchbrechen die Fotofragmente die Farbe, obwohl zweidimensional und formal im Hintergrund, schieben sie sich vor den dreidimensionalen, reliefartigen Farbraum. Vorder- und Hintergrund oszillieren, eine eindeutige Wahrnehmung bleibt versagt. Realitätsebenen verschwimmen wie in einem Vexierbild. Der Duktus des Farbauftrags variiert von Bild zu Bild. Das Spektrum reicht von dynamisch aufgetragenen, fast schon aggressiven Farbspitzen über bewegte Oberflächen und beruhigte Gitter- oder Netzstrukturen bis hin zu zart kannelierten Farbflächen. Farbe und Duktus reagieren auf die Dynamik und Farbigkeit des Fotos, verschärfen Bildausschnitt und
Bildaussage.

 

Magenta, Orange, Pink. Ocker, Violett und Dunkelgrün. Eine einzige Farbe, manchmal zwei. Andrea Neuman setzt die Farbe immer radikaler ein, blendet den urbanen Kontext immer stärker aus, macht das ursprüngliche Bildmotiv vergessen. Die partielle Übermalung eliminiert die vertraute Umgebung, verschärft den fotografischen Ausschnitt von Wirklichkeit, fokussiert den Blick ganz auf den Menschen. Selbst in der Abwesenheit steht der Mensch im Mittelpunkt, hinterläßt er seine Spur im leeren Raum, wenn auch nur als Schatten, wie in einigen der Arbeiten aus der Reihe „passage“. In Arbeiten wie „wtc 2“ oder „city mutants“ hasten Menschenströme – ihrem urbanen Umfeld durch dicke Schichten von Farbe beraubt – kopflos, irreal, wie Schemen ihrer selbst, ameisengleich durchs Bild. Ohne erklärenden, sinnstiftenden Kontext werden Beziehungslosigkeit und Vereinsamung des Einzelnen – in der Masse wie als Paar – umso augenfälliger.

 

GEFÜHLTE FARBE
Ergänzt wird das zentrale Oeuvre der übermalten Fotografien durch sogenannte Netze und Brückenbilder. Meist monochrom, stark strukturiert, tritt die Farbe dem Betrachter in den Leinwand- und Tafelbildern entgegen. Die Brückenbilder sind Farbe pur, die Netze werden an der Wand zu Objekten. Ausschnitte in der Leinwand gewähren Blicke auf die dahinter liegende Wandfläche. Motive aus den übermalten Fotoarbeiten werden in abstrahierter Form aufgegriffen. So verweisen die paarweise ausgeschnittenen Fenster in einigen der Netze auf den in Friedrichshafen entstandenen Zyklus „paare.passanten“.

 

In ihren Ausstellungen stellt Andrea Neuman die Arbeiten dieser drei Werkgruppen zu wechselnden Wandensembles zusammen. Die Netze und Brückenbilder werden zu vermittelnden Elementen. Sie schlagen die Brücken zwischen den einzelnen Stadtansichten, vernetzen die verschiedenen Aspekte. Sie verweisen wieder auf den Topos „Stadt“, wecken Assoziationen an die Netzwerke, aus denen die Stadt gewoben ist. Gleichzeitig transportieren und unterstützen die monochrom gehaltenen Arbeiten den allgemeinen großen Farbklang eines Ensembles. Dieser Farbklang, der auf die Sinne und letztlich auf die Emotionen des Betrachters zielt, ist Andrea Neuman wichtig: „Ich will Farbklänge komponieren! Ich will gefühlte Farbe!“ In ihrer Addition schließlich werden die Ensembles zum Tableau der Stadt an sich, schlagen immer wieder neue Kapitel der gleichen Geschichte auf, fassen sie zum großen Epos zusammen.

 

NEW YORK – FRIEDRICHSHAFEN

 

„In den unterschiedlichen Wirklichkeiten der Städte konzentrieren sich wie in einem Brennglas die Konflikte und Aporien, denen die Menschheit insgesamt und die Gesellschaft im einzelnen gegenüberstehen.“ 2

 

In den vergangenen Jahren ist Andrea Neuman ausschließlich in New York auf Spurensuche gegangen. Die Zeit in Friedrichshafen als Stipendiatin der ZF-Kulturstiftung markiert eine wichtige Zäsur in ihrem Werk. Erstmals wagt sie sich an ein neues Raumgefüge. Die Künstlerin, der es um Grenzerfahrungen und Horizontverschiebungen geht, überschreitet eine Grenze, betritt künstlerisches Neuland. Anonyme, durch U-Bahnschächte hastende Menschenströme wie zur Rushhour in Manhattan findet sie in Friedrichshafen nicht. Die strenge geometrische Ordnung, die fast schon gerasterten Strukturen, die die Straßenfluchten von New York ausmachen, fehlen.

 

In Friedrichshafen muß sie sich mit einem neuen urbanen Muster auseinandersetzen. Für „promenade 1“, die erste „reine“ Friedrichshafenarbeit, wechselt Andrea Neuman die Position, wählt den ungewohnten Standpunkt. Sie fotografiert die Uferpromenade vom See aus, zeigt die Menschen aus einer neuen Perspektive und verstärkt so die Irritation. Statt Passanten in schneller Bewegung zeigt sie Menschen, die stillstehen, die dem Betrachter den Rücken zukehren, an einem Geländer lehnen, als suchten sie Halt. Wieder ist es die Beziehungslosigkeit, die Vereinsamung in der Masse, die ins Auge fällt, durch die Übermalung, das Ausblenden einzelner Figuren noch stärker hervorgehoben. „promenade 1“ ist eine Schlüsselarbeit für Friedrichshafen. Radikaler als in allen bisherigen Arbeiten setzt Andrea Neuman Farbe ein, blendet Himmel, See und Land vollständig aus. Zwischen zwei stark kontrastierenden, leuchtenden Farbräumen bleibt lediglich ein schmales, horizontales Menschenband stehen. Erstmals wird der Horizont – den sie im übertragenen Sinne mit ihren Arbeiten verschieben und erweitern will – zum Gestaltungselement. Erstmals wechselt Andrea Neuman die Zeitstruktur der Bewegung, zeigt Menschen im Verweilen, im Stillstand.

 

Wie in New York, sind es die Straßen und Plätze, archetypische Orte des Durchgangs, der Transformation, die die Künstlerin besonders faszinieren. Arbeiten aus der Reihe „passage“ erinnern stark an die „intersections“ aus New York. Gleichzeitig wird die Formensprache den Charakteristika des jeweiligen Raumgefüges gerecht. Betont die Künstlerin in New York die strengen rechtwinkligen Strukturen, hebt sie in Friedrichshafen erstmals runde Formen, Kreissegmente hervor. Anstelle des Menschengetümmels sind leere Plätze zu sehen, auf denen der Mensch nur noch als Schatten in Erscheinung tritt. Dennoch fügen sich die Arbeiten aus Friedrichshafen nahtlos in das Gesamtwerk ein. Andrea Neuman betont das Überlokale, filtert das Allgemeingültige heraus, zeigt menschliche Existenz losgelöst von Ortsbezug und äußeren Zielen. Friedrichshafen und New York verschmelzen, werden zu verschiedenen Facetten urbanen Lebens, setzen sich zum übergeordneten Muster der Stadt als solcher zusammen.

 

NEUE PERSPEKTIVEN AUF WELT
Andrea Neuman hat die Fähigkeit, Gesehenes, Gespürtes, Gehörtes, Geschmecktes und Gerochenes in einer Grammatik der Sinne zu deklinieren und neu zu arrangieren. Sie führt dem Betrachter in ihren Arbeiten menschliches Verhalten exemplarisch vor Augen. Urbane Szenerien, öffentliche Plätze und Straßen werden zum Bühnenbild vor dem sich menschliches Verhalten inszeniert. Die Künstlerin will keine Antworten auf existentielle Fragen geben, sie will den Rezipienten in einem sokratischen Dialog zur Reflexion verführen. Sie zeigt Welt unbekannt und neu, macht Risse in der Wirklichkeit sichtbar, schärft die Wahrnehmung für die Wahrheit, die sich hinter der sichtbaren Oberfläche verbirgt.

 

Die Arbeiten von Andrea Neuman schärfen und verändern die Wahrnehmung des Betrachters um jenen geringen Grad, der die Welt in einem verwandelten Licht zeigt. Sie sensibilisieren und öffnen die Augen. Sie sind Denkanstöße, sich mit wachen Sinnen und geschärftem Verstand mit der eigenen Existenz auseinander zu setzen. Die subtil gewebten Arbeiten haben eine ganz eigene Magie. Sie sind konzeptionell und sinnlich zugleich, ziehen den Betrachter mit ihrer vitalen Aufladung zwischen affektivem und kognitivem Reiz, zwischen Fotografie und Malerei, in den Bann. Sie verankern sich in Kopf und Bauch des Betrachters, gehen nicht mehr aus dem Sinn.

 

1 Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt/Main, 1964, S. 298
2 Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann, Mythen der Stadt, in: Mythos Metropole, Hg. Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann, Walter Prigge, Frankfurt/Main, 1995, S. 10